Wintertradition in der Jungfrau Region

29.01.2026
Velogemel Grindelwald David Birri Jungfrau Region Tourismus AG
Velogemel Grindelwald / Foto: © David Birri / Jungfrau Region Tourismus AG

Auf dem Holzweg in Grindelwald

Es sieht aus wie ein Fahrrad, fährt sich wie ein Schlitten und gibt es nur an einem einzigen Ort auf der Welt: das Velogemel. Was andernorts als Kuriosität gelten würde, ist in Grindelwald gelebte Wintertradition. Seit über hundert Jahren sausen Einheimische und Gäste auf den hölzernen Gefährten durch die verschneite Landschaft. Diese Geschichte lebt bis heute weiter und findet ihren jährlichen Höhepunkt am Sonntag, dem 8. Februar 2026, mit der Velogemel-Weltmeisterschaft auf der Bussalp oberhalb von Grindelwald.

Eine Erfindung aus Notwendigkeit

Die Geschichte des Velogemels beginnt im Jahr 1911, als der Grindelwalder Christian Bühlmann (1872–1953) das Patent für einen „einspurigen Lenksportschlitten” anmeldet. Bühlmann war von Beruf Holzhandwerker und litt infolge einer Kinderlähmung an einer Gehbehinderung. Während er im Sommer noch gut zu Fuß unterwegs sein konnte, wurden die Wege im Winter zur Herausforderung. Ein herkömmlicher Schlitten war für ihn keine praktikable Lösung, also entwickelte er eine eigene.

Aus Eschen- und Ahornholz entstand ein Gefährt, das Mobilität, Handwerk und Pragmatismus vereinte. So wurde das Velogemel geboren: kein Spielzeug, sondern ein alltagstaugliches Fortbewegungsmittel für den Winter. Dass daraus einmal ein Kultobjekt werden würde, war damals kaum absehbar.

Weder Fahrrad noch Schlitten

Das Velogemel ist eine eigenwillige Konstruktion. Es besteht aus vier Elementen: Gestell, zwei Kufen, Lenker und Sattel. Bremsen gibt es nicht, denn es wird mit den Füßen gebremst. Eine Gangschaltung ist überflüssig, da ausschließlich bergab, auf Schnee oder Eis gefahren wird. Optisch erinnert vieles an ein Fahrrad, technisch ist das Velogemel jedoch eine Symbiose aus Velo und Schlitten.

Der Name erklärt sich ebenso schlicht wie logisch: In Grindelwald heißt ein Schlitten „Gemel“ und ein Fahrrad in der Schweiz „Velo“. Zusammengesetzt ergibt sich der Begriff „Velogemel“ – ein Wort, das inzwischen untrennbar mit dem Ort verbunden ist.

Vom Alltagsgerät zum Kulturgut

Was einst der winterlichen Fortbewegung diente, wurde im Laufe der Jahrzehnte zum Identitätsträger. Velogemelos wurden weitergegeben, gepflegt und repariert – oft über Generationen hinweg. Bei richtiger Pflege kann ein Exemplar bis zu hundert Jahre alt werden. Noch heute werden Velogemel in traditioneller Handarbeit gefertigt.

Historische Fotografien zeigen Kinder, Erwachsene und Handwerker auf den hölzernen Gefährten, während aktuelle Bilder dynamische Abfahrten vor alpiner Kulisse festhalten. Dieser Kontrast macht deutlich: Der Velogemel ist kein Relikt, sondern Teil eines lebendigen Brauchtums.

Wenn Tradition Fahrt aufnimmt

Seit 1996 hat diese Tradition einen festen Treffpunkt: die Velogemel-Weltmeisterschaft in Grindelwald. Einmal im Winter versammeln sich Teilnehmende aus nah und fern, um auf den hölzernen Gefährten ihr Können unter Beweis zu stellen. Mitmachen darf grundsätzlich jede und jeder – Erfahrung ist hilfreich, aber keine Voraussetzung.

Die Weltmeisterschaft versteht sich weniger als Spitzensportevent, sondern vielmehr als augenzwinkernde Hommage an ein einzigartiges Fortbewegungsmittel. Sie macht sichtbar, wie aus einer praktischen Erfindung ein gemeinschaftliches Erlebnis entstanden ist, das Vergangenheit und Gegenwart verbindet.

Eine Geschichte, die bleibt

Der Velogemel erzählt von Erfindergeist, von Handwerk und von der Fähigkeit, aus Einschränkungen Neues zu schaffen. In Grindelwald wird diese Geschichte nicht museal bewahrt, sondern jedes Jahr aufs Neue gelebt – auf verschneiten Straßen, auf der Bussalp und in den Werkstätten der Holzhandwerker.

Oder anders gesagt: Auch auf dem Holzweg kann man richtig Fahrt aufnehmen.

Quelle: Jungfrau Region Tourismus AG c/o Wilde & Partner Communications GmbH
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