Die Überraschung

Aus ‚Meine Kinderjahre’ | Marie von Ebner–Eschenbach 1830 - 1916

Die Überraschung

 

Das Weihnachtsfest war nahe, wir konnten die Tage bis zum 24. Dezember schon an den Fingern abzählen, als sich etwas begab, das uns in die größte Aufregung ver- setzte. Vor unsern Nasen gleichsam verschwanden un- sere Puppen. Auf einmal waren alle fort. Eine vollstän- dige Puppenauswanderung hatte stattgefunden.

Das Bett, in das Fritzi gerade noch ihre älteste Tochter, die große Christine, schlafen gelegt hatte – leer.
Die Angehörigen Christines hinweggefegt, als ob sie nie dagewesen wären. Meine blonde Fanchette, die freilich von der Blondheit nur noch den Ruf besaß – denn eine geduldige Friseurin war ich nicht – ebenfalls unauffind- bar.

Wir kramten vergeblich nach ihr in unseren Laden, durchforschten alle Schränke und Winkel. Wir liefen ins Kinder- zimmer und klagten die armen kleinen Brüder des Raubes unserer Puppen an…
Pepinka, ärgerlich über unsere Nachgrabungen, die wir nun auch in dem von ihr beherrschten Reiche zu unterneh- men begannen, ließ sich zu einem unvorsichtigen Worte hinreißen: ‚Geht, geht! Sucht eure Puppen nur dort, wo sie sind!’

‚Weißt Du, wo sie sind? – Ja, ja, du weißt es! Wo sind sie?’
Wir ließen nicht nach, gaben ihr keine Ruhe, bis sie endlich, um uns loszuwerden, sagte: ‚Die kleine Greislerin hat sie gestohlen. Grad ist sie mit der Christine über die Gasse gelaufen.’

Gestohlen also! Unsere Kinder gestohlen! Durch die kleine Greislerin – oh, das leuchtete uns ein. Der konnte man alles zutrauen…

Dass wir auch im vorigen Jahre kurze Zeit vor Weihnachten denselben Jammer erlebt und dann unter dem Christ- baum ebenso viele Puppen, als wir vermisst hatten, mit glänzenden lackierten Gesichtern, reichen Locken und schön gekleidet sitzen sahen, fiel uns nicht ein.

Oh, wir waren dumme Kinder!
Ich glaube nicht, dass es heutzutage noch so dumme Kinder gibt...